|  Markteinschätzung: Geringe Kreditnachfrage, restriktive Vergabe

Markteinschätzung: Geringe Kreditnachfrage, restriktive Vergabe

 

29,4 % der Großunternehmen in Deutschland berichten laut KfW Research von erschwerten Kreditvergabebedingungen, bei KMU sind es sogar 37,8 %. Wir haben unseren Associate Partner Tobias Hassel gefragt, wie Unternehmen ihre Verhandlungsposition bei der Kreditvergabe jetzt stärken können.

 

Was sind die Ursachen für die erschwerten Kreditvergabebedingungen zurzeit? 

„Im Grunde ist es die gesamtwirtschaftliche Lage: strukturelle Probleme durch ausgebliebene Investitionen und Innovationen, gestiegene Faktorkosten und schwindende Wettbewerbsfähigkeit sowie eine anhaltend schwache Konjunktur. Neben der US-Zollpolitik verunsichern Rohstoffmarkt, Handelspolitik und geopolitische Konflikte. In Folge dieser Multifaktoren gehen Finanzinstitute von einer Verschlechterung der Ergebnisse von Unternehmen, insbesondere von KMU, und eines höheren Ausfallrisikos durch Insolvenzen aus. Auch auf Basis negativer Erfahrungen der letzten Jahre haben Finanzinstitute ihre Kreditlinien spürbar gestrafft. Sie fordern beispielsweise mehr Sicherheiten, höhere Eigenkapitalquoten, strengere Covenants und prüfen diese Punkte genauer.“ 

 

Worauf sollten Unternehmen achten, wenn sie in Verhandlungen mit Kreditgebern treten?

„Am wichtigsten ist es, Kredite frühzeitig zu verhandeln, bevor das Unternehmen finanziell stark unter Druck steht oder sich eine Krise bereits abzeichnet. Sonst hat es in der Verhandlung um einen Kredit die schlechteren Karten in der Hand. Auch dann ist eine Kreditvergabe zwar noch möglich, aber die Unternehmenslage spiegelt sich meist in den Konditionen wider und es braucht Geschick, um die Verhandlung zu einem erfolgreichen Abschluss zu bringen.“

 

Abgesehen vom Zeitpunkt – mit welchen Inhalten punkten Unternehmen in der Kreditverhandlung? 

„Einen guten Eindruck macht, wer möglichen Sicherheiten proaktiv nachgeht. Außerdem sollte ausreichend operativer Cashflow vorliegen, um Kredite aus dem laufenden Geschäft bedienen zu können. Unerlässlich ist in jedem Fall Transparenz in Form von KPIs und Reportings, inklusive der Betrachtung unterschiedlicher Entwicklungsszenarien.“ 

 

Werden sich die Kreditvergabebedingungen in absehbarer Zeit wieder erholen? 

„Kurzfristig ist mit einer Lockerung der Kreditvergabebedingungen nicht zu rechnen, insbesondere da Banken mit weiter steigenden Kreditausfällen rechnen. Zudem nehmen die regulatorischen Vorschiften zur Kreditvergabe zu. Daher ist nur im Falle eines Rückgangs der handelspolitischen Unsicherheiten und einer signifikanten Verbesserung der Konjunktursituation von einer Erholung auszugehen.“

 

Während Unternehmen mit erschwerten Kreditvergabebedingungen konfrontiert sind, ist gleichzeitig das Finanzierungsinteresse auf Unternehmensseite gering. Wie ist das zu deuten?

„Zwar ist die Hochzinsphase von 2023/24 überwunden, doch stagnieren Zinsen für Unternehmenskredite weiterhin auf einem erhöhten Niveau. Mit einer weiteren Lockerung ist zudem nicht zu rechnen. Prognosen sehen teils wieder eine steigende Inflation, befeuert durch Konflikte im Nahen Osten. Außerdem scheuen Unternehmen die gestrafften Kreditrichtlinien und ziehen es von vornherein weniger in Erwägung, neue Kredite zu verhandeln.“ 

 

Löst das nicht das Problem? Wenn weniger Interesse besteht, könnten den meisten Unternehmen die Hürden bei der Kreditvergabe doch egal sein. 

„Ganz im Gegenteil. Es entsteht ein Teufelskreis zwischen geringem Finanzierungsinteresse, schwacher Wirtschaft und erschwerten Kreditvergabebedingungen. Im Schnitt fehlt es deutschen Unternehmen an Investitionsbereitschaft. Dafür gibt es zwar gute Gründe: eine schwache Nachfrage und unklare Absatzperspektiven, geringe Kapazitätsauslastung und die allgemeinen Unsicherheiten. Investitionen haben oft einen Horizont von bis zu zehn Jahren und aktuell ist dieser Zeithorizont nicht vorhersehbar. Doch auf ewig abzuwarten, ist auch keine Lösung. Wir brauchen Innovationen für wirtschaftliches Wachstum. Und damit Unternehmer, die bereit sind, die dafür nötigen Investitionen zu tätigen.“  

 

Ein herzliches Dankeschön an Tobias Hassel für diese Einordnung!

 

Weiterführende Themen